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Friedhof

Eine etwas andere Beerdigung und ein alter Aufsatz

 

Anfangs November, wenn die Tage kürzer und nebliger werden, kommt oft die Zeit, um innezuhalten und sich der eigenen Endlichkeit wieder einmal bewusst zu werden. Ja, irgendwann schauen wir alle die Radieschen von unten an – um es mal scherzhaft auszudrücken. An Allerseelen gedenken wir besonders unserer verstorbenen Vorfahren und Bekannten. Dazu muss man allerdings nicht zwingend einen Friedhof aufsuchen, es kann dies auch bei einem Spaziergang im Wald, beim Arbeiten im Garten oder beim Anschauen eines Fotoalbums sein.

 

Wir haben kürzlich meinen verstorbenen Schwiegervater beigesetzt. Dabei hatte der fast 95-jährige den für seine Generation aussergewöhnlichen Wunsch geäussert, in seiner Heimatgemeinde Siblingen auf dem nahen Berg Randen seine letzte Ruhestätte zu finden. Es war eine schöne Zeremonie mit Kindern und Enkeln, die gemeinsam den Weg auf den Siblinger Randen gefunden hatten. Draussen in der Natur wurde die Asche unseres Opas von allen Beteiligten mit den besten Wünschen verstreut (in der Schweiz ist dies übrigens offiziell erlaubt). Unter einer Tanne steckt nun ein schlichtes Holzkreuz und erinnert an Opa Tanner.

Friedhöfe haben für mich eher etwas Bedrückendes. So schrieb ich schon mit 20 Jahren folgende Schilderung über einen Friedhof:

 

Der Nebel schlingt seine feuchtkalten Glieder gierig um den Friedhof. Sich seiner Unbesiegbarkeit bewusst, schluckt er gelassen. Alles. Stein um Stein, Kreuz um Kreuz, Kranz um Kranz, Mensch um Mensch. Nichts entwischt ihm. Nicht das Blatt, das eben noch beschwingt durch die Luft gegaukelt ist, nicht das schmiedeeiserne Eingangstor, das quietschend in seinen rostigen Angeln schwingt, ja nicht einmal der schwere Stundenschlag, der von der nahen Kirche her dröhnt. Schleichend, aber unaufhaltsam bemächtigt er sich ihrer.

IM ANFANG UND IM ENDE SIND WIR ALLE GLEICH.

Die Herbstblätter erleben mit süssem Schmerz den ersten und letzten Fall ihres Lebens. Sekundenlang geniessen sie die totale Freiheit. Losgelöst von ihrem Ernährer bahnen sie sich eigene Wege durch die Lüfte. Nur für kurze Zeit. Am Boden empfängt sie ein schmieriger, brauner Teppich von Schicksalsgefährten.

ERDE ZU ERDE UND STAUB ZU STAUB.

Die Blumen haben es nach letzten fruchtlosen Versuchen aufgegeben, dem Grab eine Zierde sein zu wollen. Sie beschränken sich darauf, ihre entstellten Köpfe zu senken, bis der Schnee ihnen gnädig sein Leichentuch überziehen wird.

RUHE IN FRIEDEN.

Die Bürstchen in den Weihwassergefässen sind festgefroren, die Grabsteine mit lästigen Blättern verklebt, die morschen Holzkreuze mit Flechten überzogen. Der Geruch von Fäulnis verbreitet sich.

GOTT SPRACH DAS GROSSE AMEN.

Unruhig flackern die roten Kerzen in den Grablichtern und Laternen. Die Flamme zuckt, züngelt, erlischt fast, um von neuem die Umgebung mit hellem Schein zu erfüllen. Den heftigsten Winden hält das Ewige Licht stand. Es ist das Einzige, was hier ein wenig Hoffnung auf Leben, auf Weiterleben verbreitet.

ICH BIN DIE AUFERSTEHUNG UND DAS EWIGE LEBEN. AMEN.

 

Nur wer sich seiner eigenen Endlichkeit bewusst ist, kann seine Tage intensiv und voller Dankbarkeit leben – so, als wäre jeder Tag der letzte in seinem Leben.

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